Wenn Musik nicht mehr gekauft wird…und das zurecht!

Die Musik-Industrie jammert. Wie jeder weiß, nicht erst seit gestern und wie jeder wissen sollte oft aus reiner Selbstverschuldung. In den Augen der Betroffenen (Industrie und Verlage) sind die vielen illegalen Downloads schuld an der ganzen Misere. Dass die Gratis-Kultur im Netz einen Anteil an der Krise hat lässt sich nicht von der Hand weisen aber werfen wir mal einen Blick auf die Jammernden selbst. Diese überschwemmen den Markt gerade in Deutschland seit Jahren mit „Produkten“ die diesen Namen tatsächlich verdienen. Das ganze beginnt bei immer wieder neuen Retorten-Sängern aus diversen Casting-Shows und endet bei schlecht animierten CGI-Unfällen mit Schlumpfstimme, die irgendwelche möglichst klebrigen oder „frechen“ … nunja … Geräusche, Worte, Wasauchimmer von sich geben. Neue Künstler mit Anspruch bleiben bei den Majorlabels in der Regel auf der Stecke. Eine interessante Sache da sich die Musikindustrie (allein das Wort schon) selbst dem Kulturbetrieb zugehörig fühlt, aber -zumindest in Form der großen Verlage- nahezu nichts zu ihm beiträgt.
Es wird gar nicht versucht eine Fan-Künstler-Beziehung aufzubauen, die nötig ist, um als Künstler auch längerfristig von seiner Kunst leben zu können. Die Zahl der „Produkt-Künstler“, die auch beim zweiten oder dritten Album relevant sind (für wen auch immer…ich Urteile über niemandes Geschmack…zumindest jetzt gerade nicht) ist extrem überschaubar. Dass dies auch anders geht zeigen Bands und Künstler wie U2, Metallica, Madonna, Rosenstolz, Xavier Naidoo, Coldplay und viele mehr, die zwar streitbar sind aber zeigen, dass man durch eine gesunde Fanbase auch langfristig Erfolg haben kann. Besonders interessant ist dies im Fall der beiden Letztgenannten, da sie ihren Durchbruch feierten, als man bereits von einer Krise sprach. Der geneigte Hörer und Fan ist anscheinend sehr wohl in der Lage zu erkennen, ob es sich bei einer Platte um ein Produkt handelt, dass lediglich dem Abverkauf dient oder darüber hinaus einen wie auch immer gearteten künstlerischen Anspruch hat.
So und nicht anders erklärt sich der Erfolg eines Labels wie StonesThrow, das in den 13 Jahren seines Bestehens keinen einzigen Charterfolg zu verbuchen hatte aber nicht von Krise spricht, da man vernünftiger wirtschaftet, ehrlich seinen Käufern gegenüber ist und nicht zuletzt auf eine treue Fanbase bauen kann. Hier wird nicht alles gesignt, was zwar einen Ton halten kann aber darüber hinaus absolut gar kein Profil besitzt. Was nutzt die beste Stimme, wenn die Songs, die man singen MUSS Banane sind.
Gerade in Deutschland glaubt man immer noch, die Leute durch eine möglichst glatte und unspannende Produktion langweilen zu müssen. Und so setzt man dann den Bohlen, den Christensen oder einen der anderen überheblichen Langweiler an die Regler, lässt Lukas Hilbert einen schmissigen und bloß nicht zu Anspruchsvollen Text aufs Papier husten und irgend ein Retorten-Teenie mit Knebelvertrag und Abercrombie- oder Ed-Hardie-Shirt muss das dann vorsingen. Das Ganze landet dann dank einer zwar mittelmäßigen aber nicht zu übersehenden Marketingstrategie von Null auf 1 (oder zumindest Top Ten), verschwindet aber in der Regel nach einigen Wochen auf die hinteren Ränge der Charts. Ein zweites oder gar drittes Album gibt es in der Regel nicht da bereits eine neue Sau durch’s Dorf getrieben wird.
Auch ein Verlagern auf’s Live-Geschäft zur Kompensation fehlender Verkäufe ist hier nicht möglich, da von langweiligen Acts per Vollplayback vorgetragene, langweilige Songs auch Live eine eher kurze Halbwertzeit genießen.
Und so greift alles ineinander. Langweilige Künstler, Langweilige Musik, schlechte auf kurzfristigen Erfolg abzielende Vermarktung führen zu weniger guten und seriösen Künstlern bei großen Plattenfirmen, da diese sich entweder erfolgreich selbst vermarkten (Radiohead, Nine Inch Nails, etc.) oder sich bei kleinen bis mittelgroßen Labels besser aufgehoben fühlen.

Aus all dem ergeben sich für mich folgende Fragen?

- Wieso hat in der Musikindustrie nie jemand darüber nachdacht anstatt zum 100. Mal alles auf die illegalen Downloads zu schieben?

- Wieso glauben Menschen wie Detlef „D!“ Soost, Alex „U96“ Christensen, Dieter Bohlen und Co. zu wissen, was gute Musik ist, wo sie doch noch nie welche selbst hervorgebracht haben?

- Wieso glauben auch nach der 5 Staffel DSDS und der 100. Staffel Popstars noch immer junge Menschen auf diesem Weg den Durchbruch zu schaffen?

- Wieso sind die dDeutschen Charts trotz alledem durchzogen von ohren- und hirnzerfressendem Unfug?

- Wird es je ein 3. Lady GAGA Album geben?

- Wenn ja, wird es eine Rolle spielen?

- Wieso reg ich mich hier eigentlich darüber auf?

Mir schwirrten noch so viele Dinge im Kopf herum, die ich hier ansprechen wollte (Special Editions, Live-Erlebnisse, die (abgesagte) PopKomm, Autotune, u.s.w.) aber das würde den Rahmen sprengen und soll eventuell später thematisiert werden (oder es wurde bereits thematisiert).

Fakt ist und bleibt, ehrliche Musik mit Seele, egal welchen Genres wird auch weiterhin gekauft werden. Menschen, für die Musik mehr ist als ein Mittel Stille zu unterdrücken und Gedanken zu verdrängen, werden auch weiterhin die Künstler, die Ihnen wichtig sind unterstützen und Platten kaufen.

Ich werd mir jetzt die famose “Riceboy Sleeps” von Jónsi & Alex zu Gemüte führen, das tolle “Book of Original Artwork”, dass der Sammler-Edition der Platte beiliegt, durchblättern und Musik und Abend genießen.

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09 2009

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  1. GuessWho_DE #
    1

    …Interessant sind hierzu auch die Aussagen von Jay-Z in der aktuellen Juice. Der Ex CEO von Def Jam hat anscheinend ganz genau verstanden, was falsch läuft, Aber anstatt zu jammern hat er ein paar echt gute Ideen. Schön zu lesen!

  2. Maestro #
    2

    Dieses ganze System funktioniert aufgrund der wahnsinnig oft vorhandenen Dummheit der Deutschen. Wobei sich die Frage stellt wer bescheuerter ist, diejeniegen, die sich casten lassen wollen oder die, die so einen Scheiß dann auch noch kaufen und feiern als gäbe es nichts lebenswertes mehr. Es ist doch für eine Plattenfirma einfacher mit relativ wenig Arbeitsaufwand einen beliebig austauschbaren Charakter zu nehmen und in eine definierte “Superstar-Rolle” zu quetschen, als sich intensiv mit Musikern zu beschäftigen, die meistens eigenständige feste Persönlichkeiten sind, um sie und ihre MUSIK zu unterstützen.
    Bohlen und Raab sind einfach nur schlau. Sie wissen zu gut, dass sie totalen Dreck produzieren. Aber es gibt nun mal den Markt dafür. Und da machen sie sich schuldig. An der weiteren Verblödung der Menschen tatkräftig mitzuwirken und den Kritikern zu sagen: Ich mach gute Musik, weil es sich verkauft. DAs ist dummdreist.

  3. olsen #
    3

    Ist mir alles etwas zu plakativ und einfach. Es gab schon immer einen Markt für Trash und Müll. M.E. war der sogar früher noch größer, weil der Kuchen als solcher auch größer war. Mir fehlt z.B. eine Betrachtung über die technische “Entwicklung” der Musik, die einher geht mit einer massiven Preissteigerung (jeder erinnert sich an die 100% Aufschlag bei Einführung der CD, ein feines Geschäft für die Musikindustrie). Parallel dazu steht die zu kaufende Musik aber immer mehr in Konkurrenz zu zusätzlichen Ausgaben (Games, Handy, Internet,…). Der Kuchen als solcher wird also immer kleiner, der (denkende) Konsument selektiert und priorisiert. Und wenn es dann einher geht mit der schön dargestellten und eben für jeden sehr simple zu durchschauenden Produktzyklus-Denke der “Produktmanager”, die dann Alben mit 8 “Füllern” auf den Markt schmeissen und sich wundern, dass Album No. floppt, dann kommt eben irgendwann eine Krise dabei raus. Soweit zunächst von mir. Ich bleibe dran!

  4. Maestro #
    4

    @olsen:
    Die zusätzlichen Ausgaben die du hier anführst sind doch aber auch eine Plattform über die sich Musik verkaufen lässt – egal ob Müll oder nicht. Es geht doch darum, dass die Plattenfirmen es einfach mal verschlafen haben mit innovativen Ideen über das Internet Musik zu verkaufen. Sich dann hinzustellen und rumzujammern ist dreist. Dann auch noch über die Politik zu versuchen teilweise den Internetanschluss sperren zu lassen (siehe Frankreich und GB in bälde)ist eine Frechheit. Hier wird es sich zu einfach gemacht und mit dem Finger auf Leute gezeigt und wie im Kindergarten gepetzt. Aber das ist schon immer einfacher gewesen als sich selber an die Nase zu fassen. Ohne Zweifel befindet sich der Musikmarkt im Umbruch. Aber dann soll auch bitte damit vernünftig umgegangen werden. So ist nun mal Marktwirtschaft und Kapitalismus, oder?!

  5. olsen #
    5

    @maestro: Ich glaube in der Sache sind wir uns einig, nur an den Enden franst es noch ein wenig aus. In der Krise befindet sich ja nicht der gesamt Kulturbetrieb, sondern in erster Linie die global operierende Entertainment-Industrie, Kultur-Konzerne, welche versuchen Kunst zu monetarisieren und in Vermarktungs-Korsette zu stecken. Es gibt aber rechts und links genug Beispiele funktionierender Labels, die ihre Nische entdeckt haben, die auf verschiedene Kanäle des Vertriebs setzen und deren oberstes Ziel eben nicht ein Maximum an Profit ist. Nachhaltigkeit, Langfristigkeit und Glaubwürdigkeit stehen da ganz oben auf der Liste und halten sich die Waage mit Profitabilität.
    Deren Arbeit steht in einem solchen Kontrast zu der Denke der Großkonzerne, dass man den Eindruck gewinnt: Die Zeit der Großen ist in der Tat vorbei. Besonders deutlich wird es dann, wenn sich ein Konzern ein Nischenlabel einverleibt (”Wir erkennen den Trend!”) und es schafft die erfolgreiche Arbeit des Labels innerhalb kürzester Zeit zu zerstören und das gesamte Konstrukt vor die Wand zu fahren. Gab es in der jüngsten Vergangenheit zahlreiche Beispiele.
    Btw: Ein Medium wie dieses, kann eine Hilfe sein, viele (enttäuschte), potentielle Musikkäufer wieder auf den rechten Pfad zu bringen und wieder für Musik zu begeistern (!), denn darum gehts letztendlich.

  6. Maestro #
    6

    @olsen
    yup, dem stimme ich voll und ganz zu. eigentlich ein schöner abschluß zu dem thema.



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