Ein Gastbeitrag!
Ein dreibeiniger Hund macht gute Laune
Wer kennt sie nicht, die unerwarteten Anrufe guter Freunde. „Du, Deichkind ist in der Stadt. Wie sieht´s aus? Gehen wir hin.“ Verdammt. Und wieder auf dem falschen Fuß erwischt. Das Gestammel beginnt. „Das letzte Mal, als ich Deichkind live gesehen habe, hätte ich höchstens Yippie, yippie, yeah geschrieen, wenn die Bühne in Flammen aufgegangen wäre. Ich bin kein Fan deutscher Musik. Erst recht keiner Musik, die sich bei Stefan Raabs Music Vision Song Contest an den Hals der Nation wirft. Nichts gegen die Nation. Nur gegen Stefan Raab.“ Ein nutzloser Versuch, das Unvermeidliche abzuwenden. Einen Tag später folgte ein weiterer Anruf. „Ich habe die Karten. Wir treffen uns morgen Abend gegen 19.30 Uhr.” Na super. Entsprechende Vorfreude machte sich breit, als es schließlich hinaus in den kalten Samstagabend ging. Die Freude wuchs, als sich vor dem Eventwerk eine circa 50 Meter lange und nicht minder breite Menschenschlange auf vier gestresste Ordner zu bewegte. Ich höre mich kurz rufen: „Karte zu verkaufen.“ Ein Spruch, der bei meinen Begleitern wenig Zuspruch findet: „Willst du schlechte Laune verbreiten?“ Bei einem Deichkindkonzert? Natürlich nicht. Ich will nur hier weg, schießt es mir durch den Kopf, während ich mir den Weg durch tausende leere, am Boden liegende Bier-, Wein- und Sektflaschen bahne.
Vor der Bühne angekommen, geht das Hadern weitern. Ich bin zu nüchtern. Oder vielleicht doch auf dem falschen Planeten? Wo man hin sieht: Neon. Beklebte Mülltüten. Sonnenbrillen, die wirklich nur im Dunklen getragen werden sollten. Und nicht zu vergessen – Das Grölen: Deichkind, wuhuhu. Party. Bitte? Ich geb euch gleich wuhuhu, ihr Quälgeister. Auf der weißen Leinwand, die noch den Blick auf die Bühne versperrt, läuft ein buntes Konglomerat internationaler Musikvideos. Allein KRS One und sein „Sound of the Police“ brennen sich in mein Hirn. Es ist das letzte, was ich sehe, bevor der von Deichkind angerichtete Kessel Buntes die Massen zu bewegen beginnt. Unbändiger Jubel setzt ein, als eines jener Deichkindfilmchen zu flimmern beginnt, das nur im Drogenwahn produziert werden konnte. Bizarre Figuren, in noch bizarreren Situation. Alles im Schulprojektstil zusammengefrickelt. Ich blicke sehnsüchtig gen Ausgang, doch schon setzen wild flackernde Stroboskope und die mit LEDs bestückten Outfits der Deichkindcrew die noch immer verhüllte Bühne in Szene. Der Vorhang fällt. Die Bässe dröhnen. „Arbeit nervt.“ Die Menschenmasse verschmilzt. Alle Arten von Körperteilen schwingen, wippen, tanzen. Ja, ein Kulturschock kann einen auch in der eigenen Heimat treffen, weiß ich nun. Auch wenn alles in mir schreit: „Lauf!“, bewegen sich meine Beine nicht in der erwarteten Weise. Wie mein Kopf, fangen sie an zu wippen. Ich liebe Bässe, und die gibt es in den kommenden zwei Stunden am Stück.
Auch wenn ich wohl einer der wenigen bin, die nicht einen Text mitgrölen können und auch die auf der Bühne gezeigte Performance mich eher an eine Walddorfschule und das oft zitierte Tanzen der eigenen Namen erinnert, es macht Spaß, den Verrückten da oben zuzuschauen. Nicht einer von ihnen kann tanzen. Na und. Allein die LEDs zucken geordnet im Takt. Was solls. Das Bühnenbild scheint, wie die Schminke der Deichkindjungs, aus Restposten eines Goafestivals zusammengestückelt. Es kratzt mich nicht die Bohne. Vielmehr stellt sich mir nun die Frage: Sind das wirklich jene Jungs, die im Januar diesen Jahr ein Bandmitglied auf tragische Weise verloren haben? Es ist beeindruckend mit welcher Energie, mit welcher ehrlichen Freude die Deichkinder diese vielschichtige Menschenmasse in Bewegung versetzen. Von 15 bis 45 scheint vor der Bühne alles dabei. Nicht einer steht still. Jeder blickt wie gebannt auf jene Verrückten, die da mit Inbrunst rocken. Mehr als zwei Stunden lang reißen Deichkind, mit ihrem jüngsten Mitglied Ferris MC aka Ferris Hilton, das Eventwerk ab. Nicht eine Minute fühle ich mich gelangweilt oder nicht im ausreichenden Maße unterhalten. Gut, die Musik ist nicht meins. Und wenn man ehrlich ist, erinnert einen das hier Gezeigte, von Zeit zu Zeit, an die uns allen bekannte Feierkultur einer bekannten Baleareninsel. Und trotzdem: Es gefällt!
Gute Laune ist selten geworden. Von daher macht es keinen Sinn auf einem Deichkind-Konzert alles eng und missmutig zu betrachten. Was mir in der Vergangenheit nicht aufgefallen ist (Aus welchen Gründen auch immer.), nun erschließt es sich mir. Was sind schon blendend in Szene gesetzte Superstars gegen einen Haufen wild durchdrehender Freaks? Es ist wie mit dem berühmten dreibeinigen Hund. Selbst wenn man will, man kann ihn nicht ignorieren. Und so schaute auch ich für mehr als zwei Stunden, inklusive zweier Zugaben, jenen dreibeinigen Hund, genannt Deichkind, an. Mit dem Holzhammer ließ ich gute Laune in mich prügeln. Ich hatte Spaß. Weit mehr, als ich nach jenem unerwarteten Anruf eines Freundes erwartet hätte. Und glaubt mir, wenn schon ich Spaß hatte, was müssen dann erst all die durchgedrehten Deichkindanhänger von jenem denkwürdigen Auftritt ihrer Idole gehalten haben? So hoffe ich, dass die Gerüchte, dies sei die letzte Tour der Deichkinder, erdacht und erlogen sind. Es wäre zu schade, wenn ein weiterer Teil der auch so schon viel zu knappen deutschen Spaßkultur für immer verschwinden würde.