Nun wo die Tage sukzessive kürzer und schlagartig kälter und Niederschlagsreicher werden bemerke ich mal wieder, dass meine Hörgewohnheiten zu einem gewissen Grad saisonal variieren. Während mir in der warmen Jahreszeit Dancehall und Rootsraggae-Platten den Tag versüßen gibt es diverse Künstler und Platten, die es schaffen, selbst an vernieselregneten Novembertagen eine versöhnliche und positive Stimmung zu verbreiten. Für den Selbstversuch empfehle ich an dieser Stelle das Album „Takk“ der Band Sigur Rós. Takk, erschienen im September 2005, ist das vierte von bisher 5 Alben der Isländer (den großartigen quasi-Soundtrack „Hvarf/Heim“ mal nicht mitgerechnet). In meinen Augen ist es Ihr bisher stärkstes akustisches (!) Werk, was keinesfalls bedeuten soll, dass die anderen Veröffentlichungen durchschnittlich oder gar schlecht sind. Jedoch haben allein die Songs „Sæglópur“ und „Gong“ eine dermaßen große emotionale Strahlkraft, dass sie auch bei ungemütlichstem Wetter eine Gemütlichkeit verströmen, wie es sonst kaum ein anderes Lied schafft. Sigur Rós, als Hardcore Band (!) gestartet, sind eine der wenigen Künstler, die es geschafft haben einen Sound zu kreieren, der absolut einzigartig ist. Dies liegt sicher zum einen an der bisweilen recht ungewöhnlichen Instrumentierung der Stücke (hier wird schon mal die elektrische Gitarre mit dem Geigenbogen bespielt), zum anderen an der sehr speziellen Art des Gesangs. Dabei wird die menschliche Stimme als zusätzliches Instrument verstanden. Der Text rückt in den Hintergrund, was soweit führt, dass man -nach anfänglichen Texten in isländischer Sprache- ab Album 2 (Ágætis Byrjun) zu einer Fantasiesprache griff, die sich lediglich in Versatzstücken aus dem Isländischen und Englischen bediente. Erst auf „Med Sud I Eyrum Vid Spilum Endalust“, dem aktuellen Album der Band findet sich ein Song in englischer Sprache.
Sigur Rós verzichten vollkommen auf gängige Songstrukturen. Eine klassische Aufteilung der Stücke in Strophe, Bridge und Chorus sucht man vergebens. Stattdessen bekommt man Spannungsbögen, wie man Sie aus der klassischen Musik kennt. Die Songs beginnen meist ruhig, bauen langsam eine Stimmung, eine Energie auf, die sich dann in einem leider oft zu kurzen Moment auf absolut grandiose Art und Weise entlädt. Nachzuhören ist das ganze beispielhaft in den bereits erwähnten Songs „Gong“ ab Minute 4:06, bzw. „Sæglópur“ ab Minute 3:38. Gänsehaut garantiert! So sehr ich die inflationäre Verwendung des Begriffs „genial“ verabscheue, in diesen Momenten ist Sie absolut legitim!

Artwork, Ausstattung und Verpackung, gerade der Sammlereditionen der Platten, tun neben den äußerst ästhetischen Videoclips der Band Ihr übriges (doch dazu an anderer Stelle mehr).
Ich persönlich freue mich schon auf den verregneten, kalten Herbst- oder Wintertag an dem ich die „Heima-DVD“ einlege und mich bei einem Glas Rotwein über den Konzertfilm freue, den die Landesregierung Islands als Werbematerial für den einheimischen Tourismusverband lizensieren sollte.
Danke Scheisswetter, Danke Sigur Rós!
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