Wir schreiben den 4. Juni 2010 und Blumentopf, Münchens bester Musik-Export veröffentlicht nach diversen Soloalben sein 6. Album in kompletter Besetzung. WIR heißt das Werk und rief ob des vorab veröffentlichten Titeltracks erst einmal Zweifel hervor. Zu sehr auf Live-Umsetzung getrimmt kommt das Stück daher und schlägt dabei musikalisch in die gleiche Kerbe wie Dendemann auf seinem jüngsten Album. Das bedeutet, dass die klassisch trockenen Samples Gitarrensounds weichen mussten, was den 5 aus der bayrischen Hauptstadt nicht ganz so gut zu Gesicht steht, wie dem Reibeisenstimmenmann aus der Hansestadt. Die zweite Vorabveröffentlichung „Taschen voller Sonnenschein“ machte jedoch, trotz ähnlicher musikalischer Ausrichtung dann schon wieder mehr Spaß und mit dem jüngsten, extrem dicken Juice-Exclusive „Laut“ war die Vorfreude auf das Album auf dem Zenit angekommen.
Genauso, wie die Wartezeit auf das Album ablief, lässt sich dann auch das Album an. Tatsächlich beginnt das ganze reichlich gitarrenlastig und lässt musikalisch so einiges vermissen, was ich so an Blumentopf liebe. Wo sind die Beats, wo die Cuts? Sie sind alle noch da, lassen jedoch etwas auf sich warten aber SPÄTESTENS ab Track 5 bin zumindest ich wieder absolut versöhnt, denn dass was nach dem anfänglichen Ausflug in neue musikalische Gefilde kommt, ist wie gewohnt dickstproduziertes Kopfnick-Material mit Vocalcuts, Samples und allem was gut ist in „Nichtelektrorapland“.

Textlich zeigen die Jungs vom Topf ab Track 1, warum sie auch im 18. Jahr des Bandbestehens zum absolut Besten und Unterhaltsamsten gehören, was Hip Hop Deutschland neben Dendemann zu bieten hat. Man beginnt sich unweigerlich zu fragen, wieso viele MCs der letzten Jahre trotz extrem kleinem thematischen Kosmos so schlechte Texter sind, während Holunder, Cajus, Roger und Schu eine Vielzahl von Themen so ansprechend in Worte kleiden ohne dabei an Style und Flow einzubüßen. Ich empfehle im Übrigen zur Special Edition zu greifen, da die Bonus CD einige Perlen bereithält und alleine die darauf enthaltenen mit „Lost Files“ betitelten Songschnipsel wesentlich gehaltvoller und smarter sind als alles, was Aggro, Ersguterjunge und Co. während ihrer gesamten Labelgeschichte so zu Geld gemacht haben.
Erst Vom Vintage verweht, jetzt Wir und dann erwartet uns noch ein neues Marteria- Album – ein großartiges Jahr für Rap aus heimischen Gefilden.
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