Elbow – The Seldom Seen Kid – Abbey Road Live Version: Kaufbefehl
So viele Ideen hatte ich – Ideen für Platten, die Gegenstand meines ersten Blogposts hier auf hörboten.de sein sollten. “…Doch es kam alles ganz anders…” (um mal ein Sample zu samplen). Kennt Ihr folgende Situation? Man hört eine Platte im Auto und merkt, dass die Gefahr besteht, das Ende der Fahrt vor dem Ende der Platte zu erreichen. So weit so gewöhnlich, nur ist die Platte so großartig, dass man bewusst vom Gas geht, längere Alternativstrecken wählt oder vor dem entgültigen Stop noch einige Male um den Häuserblock fährt. Selbiges passierte mir heute und sorgte dafür, dass meine erste zu beprechende Platte gleich ein absoluter Kaufbefehl (im diktatorischsten Sinne) ist. Aber von vorne. Seit Samstag morgen lag das Paket mit dem Corpus Delicti auf dem Tisch, nämliches Paket beinhaltete die Live-Version einer der Platten die ich nennen würde, sollte mich jemand Ende kommenden Jahres nach meinen Platten der Dekade befragen: “The Seldom Seen Kid” von Elbow. In der Live Version heisst das ganze dann sehr bezeichend “The Seldom Seen Kid – Live at Abbey Road”
, wo die Britische Band das Album am 17. Januar 2009 gemeinsam mit dem 52 köpfigen BBC Concert Orchestra und Chantage (Radio 3’s 20 köpfiger Chor des Jahres 2008) neu einspielten. Mit Live-Platten ist das ja immer so eine Sache. Auf Grund der fehlenden optischen Eindrücke und der tendenziell schlechteren Aufnahmen wird die Stimmung der entsprechenden Veranstaltung in den seltensten Fällen eingefangen. Elbow sind erfreulicherweise was Soundqualität und Interpretation der Songs angeht erstaunlich nah an den Studioaufnahmen. Wenn man die DVD zur Platte sieht weiss man auch sofort wieso. Da das Konzert in einem Aufnahmestudio – DEM Aufnahmestudio – stattfand waren die Voraussetzungen für eine adäquate Konservierung des Ganzen mehr als optimal. Alle Beteiligten, inklusive des kompletten Chors und eines Großteils des Orchesters, tragen Studiokopfhörer. Das Riesen Mischpult ist des Öfteren zu sehen. Kurzum, man wird den Eindruck nicht los, dass hier bewusst die Konservierung des Ereignisses im Vordergrund stand. Zu Recht denn das Ergebnis ist so ziemlich das Großartigste, was mir in diesem Jahr zu Ohren gekommen ist.

So saß ich also am Abend eines wunderbar hochsommerigen Sonntags am Ende eines ereignisreichen und rundum gelungenen Wochenendes im Auto, fuhr dem Sonnengang endgegen in Richtung Hauptstadt und hörte Elbow’s “The Seldom Seen Kid – Live at Abbey Road”
, eine Platte, deren Studio-Version ich ob Ihrer Famosität fast in- und auswändig kenne und war trotzdem wie weggeblasen. Sonnenuntergang, Stimmung und Musik in absoluter Harmonie und obgleich der Live-Mitschnitt wie gesagt recht nah an der Studioaufnahme ist reiht sich ein aha-Moment an den nächsten. Wenn beispielsweise das Orchester, insbesondere der Mann an der Trompete, am Ende des sensationellen “The Bones of You” beginnt “Summertime” zu intonieren oder das komplette Orchester in vollem Bombast in der Mitte von “The Loneliness of a Tower Crane Driver” einsetzt dann ist das so perfekt, dass einem bewusst wird, dass hier etwas ganz Großes geschaffen wurde. “Grounds for Divorce”, “Weather to Fly”, “One Day like This”…einfach alle Songs des großartigen “Orginals” gewinnen durch die “Neuinterpretation”. Das ganze wird im schicken Pappkarton mit CD, DVD, Booklet und Fotos der Aufnahmesession sehr liebevoll und hochwertig präsentiert. Wer sich hier ausschließlich mit der reinen MP3-Version zufrieden gibt, hat absolut gar nichts begriffen. Platte des Jahres (Album des Jahres war’s ja letztes Jahr)! Punkt.

