Archive for April, 2010

Dendemann – Vom Vintage verweht

Das Warten hat also endlich in Ende. Dendemann, einer der smartesten und versiertesten Reimer im Lande schickt sich 4 Jahre nach seinem ersten Soloalbum „Die Pfütze des Eisbergs“ und 13 Jahre nach der ersten eins zwo – Veröffentlichung erneut an, die Beine, Zwerchfelle und Köpfe der Republik in Bewegung zu versetzen. „Vom Vintage verweht“, so der kongeniale Titel des Albums versöhnt dann auch auf 13 Tracks all jene, die nach Bushido, Farid Bang und Co. nicht mehr an Qualität im deutschen Sprechgesang geglaubt haben. Produziert von Moses Schneider und unterstützt von einer Liveband ist das Vorhaben, eine Rap-Platte zu erschaffen, die rockt, ohne Crossover zu sein absolut geglückt. So schrammeln und knarzen die Gitarren mit Daniel Ebels Stimme um die Wette dass es eine wahre Freude ist. Auf Instrumentalseite erfreut man sich an Old-School Referenzen, 80‘s Sounds (die überraschenderweise alles andere als nerven) und extrem dicke Produktionen die zumindest im deutschen Rap einmal mehr neue Wege gehen. Hin und wieder hört man mal wieder gescratchte Vokalsamples, leider eine absolute Rarität heutzutage.

Dendemann - Vom Vintage Verweht

Inhaltlich erwarten einen endlich mal wieder Texte, die zum Zuhören anregen, einen mehr als einmal zum Schmunzeln bringen, bei denen man auch nach mehrmaligem Hören noch neues Entdecken kann. Allein „I’m a Record Junkie und zurück“, einer meiner absoluten Favoriten, strotzt nur so vor zitierbaren Lines. Beispiel gefällig? Bitte:

„…die Akkus sind geladen, das genügt soweit / und der Bass ist Fett wie die Senkel in meinen grünen Clydes…“

Oder

„…dann kam die CD, die jeder mag und keiner liebt / und ich kämpfte weiter mit dem alten Riemenantrieb…“

Oder aber

„…keine zehn/zwölf Jahre doch nen 1210er später / ca. 1999 kennt das Thema jeder…“

Wer wie die hoerboten Ende der 80er, Anfang der 90er seine Rap-, Hip Hop- und Musik – Sozialisation begonnen hat, kann jede dieser und auch alle anderen Zeilen in eben jenem Song nachvollziehen!
Und so gibt es auf „Vom Vintage verweht“ unglaublich viel zu entdecken. Das Album hat definitiv mehr Substanz als ca. 90 % der Deutschrap-Veröffentlichungen der letzten 5 Jahre zusammen.
Meine Empfehlung: KAUFEN, am besten auf Vinyl (dem auch die CD beiliegt), denn auch das Artwork ist ein echter Augenschmaus (man beachte nur den auch auf dem Kopf stehend lesbaren Dendemann-Schriftzug”! Danke Dendemann, das wurde gebraucht!

Dendemann – “Vom Vintage verweht” hier bestellen!

11

04 2010

Wieso gibt es solche Rap-Texte heut nicht mehr?

Ich geb’ dem Lexikon das Wissen, nehm’ dem Nichts das Sein, ich red’ der Stimme ins Gewissen, geb’ dem Ja das Nein.
Beschütz’ die Security, bring’ Panik in die Hysterie und entzieh’ Deinem Album seine Poesie.
Durchschaue Deine Scheiben, geb’ der Schönheit ihren Reiz, das Vorbild für Idole legt die Arktis auf ’s Eis.
Führ’ die Sonne hinter ’s Licht, überschatte die Nacht, geben dem Sein das Ich, haben die Phantasie erdacht.
Beraub’ die Blindheit des Augenlichts, bewunder’ Taten des Taugenichts, sag’ den Atheisten: Ich glaub’ Euch nichts!
Lehr’ der Angst das Fürchten, der Wüste das Dürsten, erteilen selbsternannten Fürsten Lizenzen zum Dürfen.
Bis die Einheit entzweit, mehr Geleit als die Einsamkeit, unfair zur Gemeinheit ohne trittfeste Beinarbeit.
Feindbilder vereint, Freiheit von ganz allein befreit, ohne Uniformen und Normen, und trotzdem eingereiht.

Einserseits gleich, völlig verschieden, zweideutig geschrieben, weil wir eindeutig hassen, was wir lieben.
Unzufrieden, wollen nicht oben unterliegen, geben mehr als wir nehmen, nehmen mehr als wir kriegen.
Einserseits gleich, völlig verschieden, zweideutig geschrieben, weil wir eindeutig hassen, was wir lieben.
Unzufrieden, wollen nicht oben unterliegen, geben mehr als wir nehmen, nehmen mehr als wir kriegen.

Ich bereue gar nichts, tut mir leid, verfall der Haltbarkeit, denn nichts ist so bestaendig wie Vergaenglichkeit.
Entbinde Endlosschleifen der Unendlichkeit, hier bricht, was es verspricht, in Lichtgeschwindigkeit.
Versenge Fegefeuer, feuerfest, vergiss’ Asbest, nehm dem Gestern das Vorher, vesetz’ das Nun in’s Jetzt.

Ersetz’ Eure Isolation durch Hausarrest, hauch’ Leben in die Legende und geb’ dem Ende den Rest.
Fundamente untermauern, malen Tristes in Grau an, Zeitloses überdauern und dem Hinterhalt auflauern.
Hört Euch genau an, wie wir an zu Süssem versauern. Leg Euch nichts als die blossen Strassen zu Füssen,
lass’ die allergrössten Strafen büssen und die wirklich grossen Grössen Grüssen, in höchsten Massen, Flussläufe mit Nervengasen verwüsten.
Leg’ Deine Scheinheiligkeit auf ’s Kreuz, Du liegst verkehrt, falscher Stolz wird entehrt, rechter Glaube bekehrt.
Blindgänger, Scheintot, liegen lebendig begraben, zahme schwarze Tauben jagen weisse wilde Raben.
Eure Werke sind gegen unsere Stärke nur milde Gaben, aber Autorität Untergraben hat nun mal das Sagen.

Einserseits gleich, völlig verschieden, zweideutig geschrieben, weil wir eindeutig hassen, was wir lieben.
Unzufrieden, wollen nicht oben unterliegen, geben mehr als wir nehmen, nehmen mehr als wir kriegen.
Einserseits gleich, völlig verschieden, zweideutig geschrieben, weil wir eindeutig hassen, was wir lieben.
Unzufrieden, wollen nicht oben unterliegen, geben mehr als wir nehmen, nehmen mehr als wir kriegen.

Ich mach’ Drogen süchtig und die Pest krank, weil ’s schon immer feststand, erober’ überflüssig Euer Festland.
Verminter Sandstrand, Angstschweiss, kalter Schauer. Ziele ohne Ankunft, Ihr verfehlt noch genauer.
Präzisiere Infrarot Visiere, zentriere den Mittelpunkt, bring’ mich nach vorn, wie mehr Wissen über den Hintergrund.
Besiegter Sieger, geliebter Feind, stell’ Deine Antwort in Frage, der Nomade bleibt.
Dein Schuss geht nach hinten los, Treffen begegnungslos, Du schöpfst aus dem Vollen, Doch Deine Schöpfung ist seelenlos.
Dein Wahnsinn ist sinnlos, Interviews ohne Infos, Du hast Dich bloss geschnitten beim Entschärfen dieser Ginsuis.
Zerlegen Deine Stücke in tausend Einzelteile, verknüpfen Knotenpunkte, hängen Dein Wrack in die Seile.
Verteilen Tiefschläge, Kids, schützt Euern Kopf, geben Eurer Paranoia Rückendeckung als Heckler und Koch.

Einserseits gleich, völlig verschieden, zweideutig geschrieben, weil wir eindeutig hassen, was wir lieben.
Unzufrieden, wollen nicht oben unterliegen, geben mehr als wir nehmen, nehmen mehr als wir kriegen.
Einserseits gleich, völlig verschieden, zweideutig geschrieben, weil wir eindeutig hassen, was wir lieben.
Unzufrieden, wollen nicht oben unterliegen, geben mehr als wir nehmen, nehmen mehr als wir kriegen.

zu finden auf dem RAG-Album “Unter Tage”

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09

04 2010

John Niven – Kill your Friends

Wer schon immer das Gefühl hatte, dass die Musikbranche nicht richtig ticken kann, bei all den Sachen die da auf einen losgelassen werden, bekommt mit dem Buch Kill your Friends von John Niven die wohl härteste Bestätigung und noch ein wenig mehr.
Der Autor erzählt die Geschichte vom A&R (Artist & Repertoire) Steven Stelfox, der seinen Job wiefolgt vorstellt:

“Ich höre mir Musik an [...] und entscheide, welche eine reelle Chance auf kommerziellen Erfolg haben. Dann kümmere ich mich darum, dass ihre Musik angemessen aufgenommen wird, und wir, die Plattenfirma, verkaufen sie schließlich an euch, die Öffentlichkeit.[...]Nicht, dass ich eine fehlerlose Erfolgsbilanz vorweisen könnte. Niemand kann das. Aber ich bin verdammt nochmal gut. Im Schnitt liege ich nur in acht oder neun von zehn Fällen falsch.”

Beware of Friends

Beware of Friends

Steven Stellkox braucht so einen oder idealerweise zwei Fälle, sonst ist er die längste Zeit A&R gewesen. So einfach ist das aber nicht. Da gibt es Kollegen die einem in die Quere kommen oder aber die eigene Meinung. Kollegen kann man schnell kaltstellen, ein bischen hier intrigieren und dort ein wenig morden, was man halt so macht, um zu seinem Erfolg zu kommen. Schwieriger ist es aber mit der eigenen Meinung. Vor allem dann, wenn man auf alles, wirklich ALLES, einen Dreck gibt. Dann kommt noch hinzu, dass der Protagonist ALLEN erhältlichen Beteubungsmitteln gegenüber alles andere als abgeneigt ist. Und so begleitet man im Grunde einen Junkie, der krampfhaft versucht den nie versiegenden Quell für Geld, Sex und Drogen aufzuspüren.

John Niven erzählt die Geschichte mit dem bittersten schwarzen Humor. Dabei ist alles extrem hart und brutal beschrieben, stellenweise ist es eklig und pervers. Mit der Zeit gehen einem die permanenten Rauschausflüge auf den Zeiger. Aber das kann man verkraften, gehören sie doch zum Akteur wie das Atmen.

Am Ende kann man wieder einmal nur munkeln, was sich seit dem Ende der 90er verändert hat. Aber nach dem Buch sei so viel gesagt: es kann nicht allzuviel sein. Vor allem dann nicht, wenn Mr. Stellkox zu einem Polizisten ungefähr folgendes sagt: Früher, in den 80er war es schon so, dass man Nutten auf die Spesenrechnung geschrieben hat und im Büro Koks konsumiert wurde. Aber heute machen wir das nicht. Da kommt vielleicht mal ein Bier auf die Rechnung, aber ansonsten arbeiten wir hart….

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04 2010